Alpina 2/2006

Es gibt Vorurteile hinsichtlich Stand, Geburt und Rang, Nationalität und Rasse, Glauben und politischer Überzeugungen. Im Sinne der Alten Pflichten von 1723 von Anderson sollen solche Vorurteile von den Freimaurern nicht nur nicht geduldet, sondern nachdrücklich bekämpft werden.

Es gibt aber auch noch andere Vorurteile, nämlich solche gegen die Freimaurerei selber. Kaum eine Organisation ist so verleumdet und bekämpft worden, wie die Freimaurerei. Und aus all diesen Lügengespinsten sind dann die Vorurteile entstanden, die man einfach nicht aus den Köpfen gewisser Leute verbannen kann. Ein Vorurteil lebt lange und es vererbt sich von Generation zu Generation.Und von diesen Vorurteilen möchten wir in dieser Nummer unserer Zeitschrift berichten. Unser Zeichner Jüpa hat das Zitat von Lessing illustriert: «Das begründetste Vorurteil wiegt auf der Waage der Gerechtigkeit so viel als nichts» Wir finden diese Weisheit im Schauspiel «Emilia Galotti».

Im Artikel von Heinrich Erne-Château wird ein Zitat von Albert Einstein als Titel benutzt: «Es ist leichter, ein Atom zu zertrümmern, als Vorurteile abzubauen ». Und Goethe hat in Maximen und Reflexionen festgehalten: «Die Vorurteile der Menschen beruhen auf dem jedesmaligen Charakter der Menschen; daher sind sie, mit dem Zustand innig vereinigt, ganz und unüberwindlich. Weder Evidenz, noch Verstand, noch Vernunft haben den mindesten Einfluss darauf». Vorurteil heisst auch Vor-ver-urteilen. Man fällt quasi ein Urteil, ohne dass man den Angeklagten anhört oder ihm Gelegenheit gibt, sich zu rechtfertigen. Schon aus diesem Grunde sollte sich jeder Freimaurer vor Vorurteilen fernhalten, um nicht ein falsches Urteil zu fällen.

Ein Suchender, der in die Freimaurerei aufgenommen zu werden wünscht, muss sich zu bestimmten Schlüsselbegriffen bekennen: zu dem der Humanität. Hier gibt es eine eigenartige Überlappung der Wortbedeutungen: Menschheit und Menschlichkeit. Der Suchende wird sich bekennen müssen zur Toleranz, zur Gewissensfreiheit, zur Geistesfreiheit, zum «vernünftigen Handeln» im Sinne der Aufklärungsphilosophie. Er wird ständig daran arbeiten müssen, Vorurteile gegen Rassen, Klassen und Völkern zu beseitigen, er wird Freundschaften pflegen und sehr schnell erkennen, dass er sich einer Lehre angeschlossen hat, die sich auf ein Minimum von Voraussetzungen aufbaut.

Aber wie begegnen wir als Freimaurer selbst den Vorurteilen, die uns die profane Welt entgegenbringt? Hier gehen die Meinungen auseinander. Zwischen vollkommener Abgeschlossenheit und grösstmöglicher Öffnung gegen aussen findet man alle Ansichten vertreten. Meiner Meinung nach kann die Freimaurerei gegen alle falschen Anschuldigungen nur bestehen, wenn sie ihren Weg, der durch die maurerischen Grundsätze vorgezeichnet ist, unbeirrt geht, möglichst offen ist und keine Geheimniskrämerei betreibt. Nur so wird sie auch in Zukunft bestehen können.

Alfred Messerli   
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