Umgang mit Krisensituationen
(Alpina 2/2012)

E in toskanisches Sprichwort lautet: «den guten Seemann erkennt man bei schlechtem Wetter». Ich fand dieses Sprichwort schon immer sehr bildhaft und einleuchtend; doch während ich diese Zeilen schrieb, stieg diese Volksweisheit in mein Gedächtnis auf wie ein pop-up Fenster in meinem Computer. Wie eigentlich so vieles, was uns täglich ins Hirn poppt, wenn wir Nachrichten selektieren, Meldungen downloaden oder chatten oder twittern oder ... lebt ihr noch in dieser Flut von Behauptungen, Zahlen und Verunglimpfungen? Es kann auch einmal zu viel sein: zu viel an Informationen, zu viel Anglizismen und junk-Wörter, Slang und Bäng und Kawumm. Vielleicht sind wir einfach einmal auch überlastet. Überfordert in der heiligen Annahme Herr und Meister (ich betone: MEISTER) der Lage zu sein, weil alles doch etwas anders und überhaupt viel komplizierter ist. Die Krise, so glaubeich, ist nicht die Finanzkrise, Euro-Krise, Schuldenkrise, Wachstumskrise, Vertrauenskrise... Die Krise ist meiner Meinung nach die eklatante Selbstüberschätzung vieler Menschen, indem sie meinen, Experte in einer Sache zu sein oder Superstar oder sonst erhaben genug. Dadurch schwindet auch der Respekt anderen Mitmenschen gegenüber, weil der Blickwinkel sich hin zu sich selbst verschiebt. Dies wiederum verursacht eine unerträgliche Oberflächlichkeit und fatale Kurzsichtigkeit gegenüber dem Zeitgeschehen, was sich alleine am Inhalt der überflüssigen Papierverschwendungszeitungen, die, einmal weggeworfen, belanglos und ohne Nachwirkung zurückbleiben, widerspiegelt. Beispiele für diese Fehlentwicklungen sind marginalistische Denkmodelle beispielsweise in der Ökonomie, wo die Nutzenmaximierung zelebriert und gesellschaftlicher Schaden sozialisiert wird oder die jüngsten Bilder von Soldaten wie sie ihre toten Opfer entwürdigen und dabei selbst schon längst gestorben sind.

Der Begriff der Krise geht auf das altgriechische Wort krisis zurück, das in seiner Bedeutung «Entscheidung» oder «Wende» ausdrückte. In diesem Sinne bleibt zu hoffen, dass das Pendel die Menschheit wieder in die andere Richtung bewegt – oder wie es Albert Schweitzer einmal sagte:

«Auf die Füsse kommt unsere Welt erstwieder, wenn sie sich beibringen läßt, daß ihr Heil nicht in Massnahmen, sondern in neuen Gesinnungen besteht».

Adrian Bayard 

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