Das Gelübde
(Alpina 3/2012)

An Silvester schwor ich, weniger zu rauchen. Zumindest gelobte ich Besserung. Mir gegenüber? Oder meiner Frau gegenüber? Ich weiss es nicht. Ist es überhaupt wichtig? Solche Vorsätze sind doch sowieso spätestens am 3. Januar wieder Makulatur. Aber warum nimmt man sich denn überhaupt etwas vor? Und was ist der Unterschied zwischen Vorsatz, Gelöbnis, Eid und Schwur? Gemeinsam ist allen das schlechte Gewissen bei Verstoss gegen das Vorgenommene. Im Vordergrund steht immer eine zukünftige Aktion. Der Eid dient einer Bekräftigung einer Aussage oder Handlung, wobei ein Verstoss eher intrapersonell geahndet wird. Man liest auch gelegentlich von einer Selbstverfluchung. Ganz im Gegensatz zum Schwur, wo die Bestrafung durch ein Kollektiv oder eine übergeordnete Macht vollzogen werden kann. Ein Gelübde(von althochdeutsch gilubida: «geloben») ist ein feierliches abgelegtes Versprechen, sich an eine Regel zu halten oder einen Vorsatz zu erfüllen. Der Begriff wird häufig im religiösen Zusammenhang verwendet (www.de.wikipedia.com). Auch wir Freimaurer legen bei unserer Aufnahmeeinen Eid, oder besser Gelöbnis oder Gelübde ab. Entgegen früherer Formulierungen (beispielsweise von Prichard), wo bei Verstössen drakonische, ja gar lebensgefährliche Strafen in Aussicht gestellt wurden, beinhaltet der heutige Eid «nichts anderes als die Verpflichtung, die Erkennungszeichen geheim zu halten und, ebenso wie in allen anderen geschlossenen Gesellschaften, über die inneren Angelegenheiten der Loge Aussenstehenden gegenüber zu schweigen. Andere Verpflichtungen werden weder verlangt noch eingegangen»(aus: Lennhoff, Posner, Binder; internationales Freimaurer Lexikon). Somit stellt sich–zusammenmit der eingangsformulierten Situation–die Frage, ob ein solches Gelübde in einer Zeit, wo vieles in unserer «Multioptionsgesellschaft» unverbindlich geworden ist, überhaupt noch zeitgemäss ist. Wir sehen Politiker, die einen Eid auf die Bibel oder die Verfassung abgelegt hatten, durch Eigennützigkeit und Egoismus eben diese Erklärung brechen; wir sehen Ärzte, die unter dem Deckmantel der Forschung am Menschen herum tüfteln und ihren Eid verletzen – und wir sehen Ökonomen, die erst gar keinen solchen Eid ablegen. Für uns Freimaurer sollte unser Gelübde Richtschnur und Erinnerung sein – ein Leuchtturm, der uns durch das Leben weist.

Adrian Bayard 

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